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Arbeiten für die Einheit

Jakob Hamidi engagiert sich als Freiwilliger für die Aufarbeitung der SED-Diktatur.

11.06.2014
© Stephan Pramme - Jakob Hamidi

„In Berlin sieht man von fast überall aus den Fernsehturm am Alexanderplatz, im früheren Ostteil der Stadt. Ich kann immer noch nicht glauben, dass dort mal ein anderes Land war. Das ist unvorstellbar.

Über die DDR habe ich mir früher nicht viele Gedanken gemacht. Ich bin Mitte der 1990er-Jahre in Westdeutschland geboren, als Kind westdeutscher Eltern. In der zehnten Klasse mussten wir eine Facharbeit über die DDR schreiben, mein Thema hieß „Jugend im Visier der Stasi“. Ich bin auf den Fall von Rostocker Jugendlichen gestoßen, die kritische Parolen an Häuserwände geschrieben hatten und dafür vom DDR-Staatssicherheitsdienst, der Stasi, verfolgt wurden. In der Arbeit ging es um den Alltag junger Leute in einer Diktatur. Inzwischen ist mir klar: Es ist wichtig, dass gerade jemand wie ich, der in der Demokratie geboren ist, sich mit dem Thema beschäftigt – ansonsten gerät es in Vergessenheit. Für die Demokratie muss man arbeiten.

Natürlich hätte ich nach dem Abitur auch einfach ein Jahr lang durch Australien reisen können. Und ich muss zugeben, dass ich manchmal ein bisschen neidisch werde, wenn ich auf Facebook Fotos meiner Freunde sehe, die genau das machen. Ich wollte aber lieber etwas tun, das meine Interessen berührt: Politik, Geschichte, Gesellschaft. Nach dem Freiwilligen Sozialen Jahr will ich mich an der Uni für „European Studies“ einschreiben.

Bei der Bundesstiftung Aufarbeitung übernehme ich Rechercheaufgaben, bin bei Messen und Ausstellungseröffnungen dabei. Gerade arbeiten wir an dem Buch „Die Berliner Mauer in der Welt“. Ich schreibe Texte und fotografiere. Gleich mache ich mich mit der Kamera auf den Weg zum Mauerstreifen. Japan hatte Deutschland nach der Wiedervereinigung Kirschbäume geschenkt, die auf dem ehemaligen Grenzgebiet gepflanzt wurden. Die blühen gerade.“ ■

JAKOB HAMIDI // EAST SIDE GALLERY

Der 18-Jährige aus Münster macht ein „Freiwilliges Soziales Jahr“ (FSJ) bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Berlin. Die 1998 vom Deutschen Bundestag gegründete Stiftung fördert die Aus­einandersetzung mit der DDR-Geschichte, begleitet den Prozess der deutschen Einheit und beteiligt sich 
international an der Aufarbeitung von Diktaturen. Sie ist Partnerin von Museen, Gedenkstätten, Archiven, Opferverbänden und Forschungseinrichtungen und unterstützt Bildungsprojekte in Schulen und außerhalb. Jakob Hamidis FSJ wird koordiniert vom Verein Internationale Jugendgemeinschaftsdienste (IJGD). Das Bild zeigt den jungen Freiwilligen an der „East Side Gallery“. Künstler aus der ganzen Welt haben das 1,3 Kilo­meter lange Stück Berliner Mauer zu einer großen Open-Air-Galerie gemacht.

Protokoll: Clara Görtz, Helen Sibum, Foto: Stephan Pramme