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Dialog durch Kultur

Das Sprach- und Literaturjahr 2014/15 führt den deutsch-russischen Austausch auch in schwierigen Zeiten weiter.

Роберт Калимуллин, 23.12.2014
© Natalia Cheban/Goethe-Institut - Festival DeutschHochDrei

Eine Deutschstunde, wie sie die Welt noch nicht erlebt hatte: Etwa 3000 sprachinteressierte Moskauer versammelten sich Mitte September im Eremitage-Garten und lernten bei schönem spätsommerlichen Wetter freiwillig deutsche Vokabeln. Dass zusätzlich noch einmal 2000 Menschen online an der „Größten Deutschstunde der Welt“ teilnahmen, mag an der Prominenz des Lehrers gelegen haben – Alexander Puschnoj ist in Russland ein beliebter Fernsehmoderator. Und seine Schülerinnen und Schüler ließen sich die Laune nicht einmal von Bandwurmwörtern wie „Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung“ verderben.

Der etwas andere Sprachunterricht war nur eines von zahlreichen Angeboten, mit denen in Moskau das „Jahr der deutschen Sprache und Literatur in Russland 2014/15“ begonnen wurde. An zwei Tagen fanden 18 000 Besucher den Weg zu der Eröffnungsveranstaltung nahe des Roten Platzes. „Es war ein fulminanter Auftakt“, freut sich Anne Schönhagen, Leiterin der Sprachabteilung im Goethe-Institut Moskau.

Dabei war der Erfolg alles andere als selbstverständlich: In der Politik stand der September im Zeichen der Zuspitzung des Konfliktes in der Ukraine. Unbeschwertes Feiern schien fehl am Platz, und so entschlossen sich die Projektträger Auswärtiges Amt und Goethe-Institut, den geplanten Auftritt des deutschen Rappers Cro auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Die Botschaft des Eröffnungswochenendes lautete aber auch: Wenn eine Verständigung in der Politik derzeit schwer ist, ist es umso wichtiger, die Beziehungen in den Bereichen Kultur und Zivilgesellschaft fortzuführen. Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts, sprach davon, ein Zeichen zu setzen „für Verständigung zwischen Menschen mit deutscher und russischer Muttersprache“.

1,8 Millionen Menschen in Russland lernen Deutsch als Fremdsprache, vielleicht sind es sogar mehr – ganz exakt ist die Statistik nicht. Nach der Zahl der Deutschlerner steht Russland damit weltweit an zweiter Stelle nach Polen. Von einer „Tradition, die gewachsen ist“, spricht Anne Schönhagen. Eine Tradition, die der Pflege bedarf: Nicht zuletzt durch die Dominanz des Englischen als Weltsprache sinkt die Zahl der Deutschlerner. „Das Jahr kommt genau zum richtigen Zeitpunkt“, findet Schönhagen. „Ziel unserer Arbeit ist es, Deutsch als erste Fremdsprache zu festigen und bei Deutsch als zweiter Fremdsprache sogar ein Wachstum zu erzielen.“

Diskutiert wurde die Situation von Deutsch als Fremdsprache auch Ende November in Moskau auf dem Deutschlehrertag. 1600 Lehrer aus 280 russischen Städten reisten zu dem Treffen an. Der Beauftragte für internationale Kulturpolitik des Auswärtigen Amtes, Andreas Meitzner, würdigte in seiner Ansprache besonders die Gründung des interregionalen Verbandes der Deutschlehrer als wichtigen Schritt in die Zukunft. 2015 werden die „Mobilen Deutschlehrertage“ in die Regionen des größten Flächenlandes der Welt reisen. Lokale Bildungsministerien konnten sich für die Austragung bewerben, und so werden von März bis Juni Fortbildungen in rund 15 Städten, darunter Archangelsk am Weißen Meer, Perm am Uralgebirge oder Ulan-Ude am Baikalsee angeboten.

Die politische Situation katapultiere eine „gewisse Brisanz“ ins Sprach- und Literaturjahr, so Anne Schönhagen. Andererseits werde durch die Krise auch der Stellenwert der Kultur für den Dialog umso deutlicher. Eine Einschätzung, der sich Markus Kedziora anschließt. „Über Kultur findet Kommunikation statt“, sagt Kedziora, der die Bibliotheksarbeit am Moskauer Goethe-Institut leitet. Damit ist er verantwortlich für den Literaturschwerpunkt im Veranstaltungsprogramm, der einen ersten Höhepunkt in der Verleihung des Übersetzerpreises Ende September hatte: Prämiert wurde die Übersetzung von Essays und Artikeln von Joseph Roth (1894–1939), die auf Russisch in einem Sammelband unter dem Titel „Berlin und Umgebung“ erschienen.

Ebenfalls im September machte eine Ausstellung die Moskauer mit den vor 200 Jahren entstandenen „Märchenwelten“ der Brüder Grimm vertraut. Die Ausstellung wird ebenso durch Russland reisen wie zahlreiche deutschsprachige Gegenwartsautoren, die im Rahmen des Sprach- und Literaturjahres auf Lesereise gehen. Deutsche Kinder- und Jugendliteratur war in einem Schwerpunkt Ende November zudem auf der bedeutenden Moskauer Literaturmesse „Non/Fiction“ vertreten.

Doch nicht nur die deutsche Sprache und Literatur sind 2014/2015 in Russland präsent: Gleichzeitig präsentiert sich Russland auch in Deutschland. Aufbauen können beide Länder in der Organisation des „Kreuzjahres“ auf dem deutsch-russischen Jahr 2012/13, das unter dem Motto „Gemeinsam die Zukunft gestalten“ stand. 2014 hatte das russische Jahr in Deutschland schon Anfang Juni einen feierlichen Auftakt. Zwar ist die Zahl der Russischlerner in Deutschland mit etwa 107 000 wesentlich kleiner als die der Deutschlerner in Russland. Doch Olga Wladimirowa, die im Russischen Haus in Berlin die Spracharbeit leitet, spürt angesichts der politischen Krise sogar ein wachsendes Interesse: „Es gibt einen Wunsch, sich auch auf Russisch zu informieren.“

Veranstaltet wird das Jahr der russischen Sprache und Literatur in Deutschland vom russischen Bildungsministerium. Die mediale Präsentation der Veranstaltungen hat mit „Russia Beyond the Headlines“ (RBTH) der internationale Ableger der staatlichen Zeitung „Rossijskja gaseta“ übernommen. Das Internetportal russjahr.de sortiert Angebote nach Kategorien für Lernende, Lehrer, Interessierte und Übersetzer und stellt somit ein Pendant zur Webseite deutsch2014-2015.ru dar, die neben Veranstaltungsterminen auch Lernmaterialien enthält. RBTH-Herausgeber Jewgenij Abow betont, russjahr.de sei „unser Beitrag zur Fortsetzung des Kultur- und Informationsaustausches zwischen Russland und Deutschland, zum Ausbau der Kommunikationskanäle zwischen unseren Ländern.“ Erfreulich findet er, „dass auch vor dem Hintergrund der angespannten internationalen Beziehungen die Veranstaltungen des offiziellen Programms des Kulturjahres ohne Änderungen wie geplant stattfinden.“ Die Stimmung sei „geprägt von einem gegenseitigen, freundlichen Interesse.“