Geraubte Kindheit
Der Internationale Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten setzt ein Zeichen gegen Ausbeutung. Wo Kinder besonders gefährdet sind.
Deutschland. Die rote Hand als Zeichen der Solidarität: Am „Red Hand Day“ fordern Menschen weltweit ein Ende des Einsatzes von Kindersoldaten. Ralf Willinger ist Referent für Kinderrechte bei terre des hommes. Gemeinsam mit anderen Nichtregierungsorganisationen hat das Kinderhilfswerk die Aktion vor mehr als zehn Jahren initiiert.
Herr Willinger, das Thema Kindersoldaten scheint in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr so präsent zu sein. Liegt das daran, dass es weniger Kindersoldaten gibt?
Leider nicht, im Gegenteil. Wir gehen derzeit von 250.000 Kindersoldaten weltweit aus. Gesicherte Zahlen gibt es nicht. Die beste Informationsgrundlage ist der Bericht des Generalsekretärs der Vereinten Nationen (UN) zu Kindern in bewaffneten Konflikten. Demnach nimmt das Problem in vielen Ländern zu.
Haben Sie eine Erklärung dafür?
Je länger Konflikte dauern und je mehr sie eskalieren, desto mehr Kinder werden rekrutiert, weil einfach nicht mehr genug Erwachsene da sind. Sie sind entweder tot oder geflohen. Somalia, Kolumbien und Afghanistan sind Beispiele für diese Entwicklung.
In welchen Ländern ist das Problem besonders groß?
In Somalia gab es 2016 einen neuen Höchstwert von 1.915 Fällen, in denen Kinder rekrutiert wurden. Auch in Syrien ist die Zahl mit 851 Fällen massiv gestiegen, im Jemen mit 517 ebenfalls. Und das sind nur die verifizierten Fälle, die von den UN gegengecheckt wurden. Die realen Zahlen sind um ein Vielfaches höher.
Bis zu welchem Alter gilt jemand als Kindersoldat?
Die Pariser Prinzipien definieren einen Kindersoldaten als unter 18-Jährigen. Auch Deutschland hat diese Prinzipien unterschrieben. Deshalb halten wir es für problematisch, dass es in der Bundeswehr 17-jährige Soldatinnen und Soldaten gibt, auch wenn sie nicht in Kriegsgebiete geschickt werden. In anderen Ländern ist es schwer zu vermitteln, dass eine Altersgrenze eingehalten werden soll, wenn selbst Deutschland das nicht tut.
Wie engagiert sich terre des hommes weltweit gegen die Ausbeutung von Kindern als Soldaten?
Wir haben konkrete Projekte, um Rekrutierungen zu verhindern, etwa in Flüchtlingslagern im Nordirak. Wir engagieren uns in Myanmar oder in Kolumbien bei der Reintegration ehemaliger Guerillakämpfer. Im Deutschen Bündnis Kindersoldaten, dem zehn Nichtregierungsorganisationen angehören, bündeln wir Informationen und bringen sie in die Öffentlichkeit. Mit Aktionen wie dem jährlichen „Red Hand Day“ machen wir auf das Thema aufmerksam, damit es nicht untergeht und die Politik handelt – dazu gehört auch dringend ein Stopp von Waffenexporten in Krisengebiete.
Interview: Helen Sibum
Internationaler Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten (Red Hand Day) am 12. Februar