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Forschung, die Leben rettet

Hilfe bei Schlangenbissen, Wurminfektionen und Augenerkrankungen – wie Klinikpartnerschaften die Gesundheitsversorgung verbessern. 

AutorinMiriam Hoffmeyer , 26.02.2025
Ein Herz für die Forschung: das Team der UGM in Indonesien
Ein Herz für die Forschung: das Team der UGM in Indonesien © privat

Barfußlaufen auf bloßer Erde birgt in vielen tropischen Regionen eine unsichtbare Gefahr: eine Infektion mit dem Zwergfadenwurm „Strongyloides stercoralis“. Viele Betroffene leiden ihr Leben lang unter Bauchschmerzen, Durchfall und Hautausschlägen, in einigen Fällen ist die Erkrankung lebensbedrohlich. Obwohl es wirksame Medikamente gegen Strongyloidiasis gibt, nimmt die Zahl der gemeldeten Fälle in Teilen Indonesiens zu. „Das Problem ist die Diagnostik“, sagt Dr. Elsa Murhandarwati von der Universität Gadjah Mada (UGM) in Yogyakarta auf der Insel Java. „Weil die Larven mit konventionellen mikroskopischen Methoden nur schwer zu erkennen sind, erhalten viele Erkrankte keine angemessene Therapie.“ 

Dr. Elsa Murhandarwati
Dr. Elsa Murhandarwati © privat

Ein gemeinsames Projekt der UGM mit dem Universitätsklinikum des Saarlandes hat die Situation seit 2019 deutlich verbessert: Am UGM und in Kliniken und Referenzlaboren auf weiteren vier indonesischen Inseln wurden mikrobiologische Diagnostiklabore aufgebaut. Zudem wurde medizinisches Personal in der Anwendung qualitativer PCR-Tests geschult, die eine zuverlässige Diagnose ermöglichen. „Heute verwenden wir und unsere Partnerkliniken routinemäßig PCR-Tests, wenn Patientinnen und Patienten mit unklaren Magen-Darm-Beschwerden eingeliefert werden“, sagt Murhandarwati. 

Wir profitieren von der Erfahrung der Kolleginnen und Kollegen mit tropischen Krankheiten, die bei uns nur selten vorkommen.
Prof. Dr. Sören Becker, Universitätsklinikum des Saarlandes

Derzeit forschen die Partner in einem neuen Projekt zur epidemiologischen Verbreitung von Strongyloidiasis in Indonesien. „Die Zusammenarbeit ist inspirierend“, sagt Professor Sören Becker vom Universitätsklinikum des Saarlandes. „Wir profitieren von der Erfahrung der Kolleginnen und Kollegen mit tropischen Krankheiten, die bei uns nur selten vorkommen.“ 

Ermöglicht wurden beide Projekte durch das Programm „Klinikpartnerschaften – Partner stärken Gesundheit“. Seit 2016 fördert es langfristige Partnerschaften zwischen deutschen Organisationen des Gesundheitssektors und öffentlichen Gesundheitseinrichtungen in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen. Finanziert wird das Programm vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und der Else Kröner-Fresenius-Stiftung. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) setzt es in deren Auftrag um. Weltweit wurden bislang rund 560 Projekte gefördert. 

Netzhauterkrankungen früher erkennen

Trainingskurs für die Smartphone-basierte Fundusfotografie
Trainingskurs für die Smartphone-basierte Fundusfotografie © privat

Augenkrankheiten stehen im Fokus der Zusammenarbeit des Universitätsklinikums Bonn (UKB) mit der Sankara Eye Foundation in Indien. Ab 2017 etablierten die Partner zunächst in Bangalore, dann in 24 weiteren Regionen ein neues Verfahren zur Früherkennung von diabetischer Retinopathie (DR). Bei dieser Netzhauterkrankung, die zu schweren Sehschäden bis hin zur Erblindung führen kann, treten die ersten Beschwerden erst in einem späten Stadium auf. „Holen sich Betroffene erst dann ärztlichen Rat, sind oft bleibende Schäden entstanden“, sagt Dr. Maximilian Wintergerst vom UKB. 

Das neue Smartphone-basierte, telemedizinische DR-Screening ist besonders schnell und kostengünstig: Neben einer geschulten Kraft sind nur ein Smartphone, ein Adapter und eine Linse notwendig, um Bilder vom Augenhintergrund aufzunehmen, die zur Auswertung an lokale Augenärzte gesendet werden. Das erfolgreiche Projekt wird nun auf Bangladesch, Nigeria und Ghana ausgeweitet. 

Dr. Maximilian Wintergerst (r.) gibt eine Schulung in Indien.
Dr. Maximilian Wintergerst (r.) gibt eine Schulung in Indien. © privat

2024 starteten das UKB und die Sankara Eye Foundation zusammen mit Microsoft Research India ein weiteres Klinikpartnerschaften-Projekt: Mithilfe von Künstlicher Intelligenz soll die im globalen Süden gängige Operationstechnik bei Grauem Star verbessert werden. Die KI-Analyse von OP-Videos soll Augenchirurginnen und -chirurgen helfen, Fehler zu erkennen und ihre Technik zu verbessern. „Das langfristige Ziel ist, gefährliche Situationen live während der OP zu erkennen“, sagt Wintergerst.

Passende Therapien nach Schlangenbissen

 

Eine Kettenviper am Chittagong Medical College in Bangladesch
Eine Kettenviper am Chittagong Medical College in Bangladesch © Tapash Paul, DRIK

Als „vernachlässigte Tropenkrankheit höchster Dringlichkeit“ stuft die Weltgesundheitsorganisation WHO Vergiftungen durch Schlangenbisse ein. In Bangladesch sterben rund 7.500 Menschen pro Jahr daran, noch weit mehr erleiden schwere Beeinträchtigungen wie Nierenschäden, bisweilen werden Amputationen nötig. Die Goethe-Universität Frankfurt forscht seit 20 Jahren gemeinsam mit dem Chittagong Medical College (CMC) zu Giftschlangen und ihren Toxinen. 

Schlangenbiss-Vergiftungen sind wie ein Crashtest für Gesundheitssysteme.
Dr. Ulrich Kuch, Goethe-Universität Frankfurt am Main

2020 starteten die Partner ihr erstes Klinikpartnerschaften-Projekt: Am CMC wurde ein Ausbildungslabor eingerichtet, in dem Ärzte, Pflegepersonal und Studierende lebenserhaltende Maßnahmen bei Vergiftungen jeder Art erlernen. Außerdem wurden mobile Ultraschallgeräte angeschafft, die rund um die Uhr schnelle und zuverlässige Diagnosen direkt am Krankenbett ermöglichen. „Zuvor mussten die Patientinnen und Patienten für Ultraschall-Untersuchungen in externe Privatkliniken gebracht werden. Die starke Belastung durch den Transport und hohe Kosten bleiben ihnen nun erspart“, sagt der Schlangengift-Experte Dr. Ulrich Kuch von der Goethe-Universität. 

Auf der Suche nach einem Mittel gegen das Gift der Kettenviper

Eine Brillenkobra wird „gemolken“, gibt also ihr Gift.
Eine Brillenkobra wird „gemolken“, gibt also ihr Gift. © Tapash Paul, DRIK

Derzeit arbeiten die Partner in einem von der Regierung Bangladeschs finanzierten Pilotprojekt daran, ein neues Mittel speziell gegen das Gift der dortigen Kettenvipern herzustellen. Weil die Entwicklung solcher Gegengifte viel Zeit braucht, suchen die Forschenden parallel in einem Klinikpartnerschaften-Projekt nach einer schnellen Zwischenlösung: Sie testen, ob schon existierende Antivenine gegen die Gifte thailändischer Kettenvipern auch in Bangladesch wirksam sind und dort zugelassen werden können. 

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Stärkung des Gesundheitssystems in Bangladesch

Die auch für die deutsche Seite hochinteressante Zusammenarbeit habe wichtige Impulse für die Stärkung des Gesundheitssystems gesetzt, meint Kuch: „Andere Universitätskliniken in Bangladesch wollen nun ebenfalls eigene toxikologische Stationen und Ausbildungslabore aufbauen, und die Regierung Bangladeschs will mehr in die Ausstattung ihrer staatlichen Krankenhäuser investieren.“ Schlangenbiss-Vergiftungen seien „wie ein Crashtest für Gesundheitssysteme“, weil sie so viele unterschiedliche Bereiche beträfen – von Gesundheitserziehung über Krankentransport und Notfall- und Intensivmedizin bis zur Rehabilitation. „Wo man das gut im Griff hat, kann man auch fast alles andere schaffen.“