Maultaschen statt Maracujas
Mit dem DAAD aus Kolumbien nach Deutschland – was eine Studentin zwischen Uni und Praktikum alles erlebt.

Valentina Reyes Gil ist positiv überrascht: „Ich dachte, die Deutschen sind alle ernst und kalt!“ Doch seit die Kolumbianerin in Deutschland angekommen ist, hat sie nur freundliche Menschen getroffen: Erst an der Hochschule Reutlingen in Baden-Württemberg, wo sie ein Semester studierte, und jetzt in Hamburg, wo sie ein Praktikum macht. Eigentlich absolviert Reyes Gil gerade ihr Bachelorstudium in Kolumbien, in der Stadt Cali – im Sommer 2024 begann sie jedoch einen einjährigen Aufenthalt in Deutschland.
Unterstützung durch den DAAD
Sie ist eine von etwa 200 Studierenden aus Lateinamerika, die der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) jährlich mit dem Programm „Kombinierte Studien- und Praxisaufenthalte für Ingenieure aus Entwicklungsländern“ (KOSPIE) fördert. Die Mittel dafür stellt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zur Verfügung. Die Stipendiatinnen und Stipendiaten kommen aus Mexiko, Kolumbien und Argentinien und studieren in den Ingenieur- oder Naturwissenschaften an Hochschulen, mit denen der DAAD kooperiert. Ziel der Förderung ist es, durch einen Studien- und Praxisaufenthalt in Deutschland relevante Erfahrungen für den Arbeitsmarkt im Heimatland zu sammeln. „Es geht um die Unterstützung der nachhaltigen und wirtschaftlichen Entwicklung der lateinamerikanischen Länder, und da ist das ingenieurwissenschaftliche Wissen relevant,“ sagt Mareike Lühring, beim DAAD Referatsleiterin für Stipendienprogramme in Lateinamerika. Dieses Wissen lernen die Studierenden einerseits in einem theoretischen Semester an einer der Partnerhochschulen in Deutschland, anschließend können sie Gelerntes im Praktikum anwenden. „Die Teilnehmenden erhalten Einblicke in den akademischen Diskurs und nehmen gleichzeitig diese ‚Hands-on-Erfahrung‘ aus Deutschland mit“, betont Lühring.

Von der Unterstützung bei der Wohnungssuche in Deutschland über die Betreuung während des Semesters bis zur Suche nach einem Praktikumsplatz – der DAAD betreut die Stipendiatinnen und Stipendiaten eng. Bei der Auswahl der Teilnehmenden legt der DAAD einen Fokus auf benachteiligte Gruppen und stärkt besonders Studentinnen im Ingenieurwesen.
Theorie und Praxis vereint
Neben dem Lernen an einer Hochschule und der praktischen Ergänzung in einem Unternehmen ist auch die studienbegleitende sprachliche Förderung ein wichtiger Bestanteil von KOSPIE. Valentina Reyes Gil hat in Vorbereitung auf das Stipendium an ihrer Heimathochschule einen Deutschkurs besucht. In Deutschland folgte ein zweimonatiger Kurs zu Beginn ihres Aufenthalts, der vom DAAD angeboten wurde. „Es war interessant zu sehen, dass ich beim Erlernen der Sprache auch die Denkweise angepasst habe. Deutsch ist eine sehr direkte Sprache, das spiegelt sich auch in der Mentalität der Menschen wider.“
Seit März 2025 macht Reyes Gil nun ein Praktikum in Hamburg. Sie arbeitet für eine Firma, die Windturbinen produziert. „Ich beschäftige mich hier mit Prozessoptimierung und Supply Chain Management, was mich sehr interessiert.“ Die Inhalte, die sie an der Hochschule Reutlingen gelernt hat, kann sie hier direkt anwenden. „Für die Zukunft kann ich mir vorstellen, in diesem Bereich zu arbeiten.“
Mit der Bahn Deutschland entdecken
Ein Unterschied zwischen Kolumbien und Deutschland: die Möglichkeit, mit der Bahn reisen zu können. Reyes Gil erzählt, wie schwer es in Kolumbien sei, mit öffentlichen Verkehrsmitteln von einer Stadt in die andere zu kommen. „Du brauchst für alles ein Auto, es gibt eigentlich keine Bahn. Aber hier in Deutschland gibt es das Deutschlandticket, was ich gerne nutze.“ Seit sie im Sommer 2024 angekommen ist, war sie unter anderem schon in Köln und auf der Schwäbischen Alb. „Ich war überrascht, dass Deutschland so grün ist. In meiner Vorstellung gab es in Deutschland als Technologiestandort nur wenige Grünflächen.“

Aber eine Sache gibt es dann doch, die sie nicht ganz überzeugt hat: die schwäbischen Maultaschen. „Die fand ich zu trocken. Und ich vermisse das Obst und die Säfte in Kolumbien, wie frische Maracujas oder Lulos.” Letztere werden auch „kleine Orangen” genannt.
Das KOSPIE-Projekt eröffnet Perspektiven
Nach ihrem Praktikum wird Valentina Reyes Gil zurück nach Cali reisen, um an ihrer Heimathochschule ihr Bachelorstudium abzuschließen. Sie ist dann eine der mehr als 6.500 Alumnae und Alumni aus Lateinamerika, die der DAAD über KOSPIE bisher gefördert hat. Das Programm wird darüber hinaus in Indien und Tunesien angeboten.
Durch das Programm sind die beruflichen Perspektiven für Reyes Gil vielversprechend – eine ehemalige Stipendiatin gründete einen Think-Tank, um die Energiewende in Kolumbien voranzutreiben, während eine andere Alumna Lösungen für verschmutzte Flüsse entwickelt.
Mareike Lühring vom DAAD stellt heraus, welche Bedeutung der Auslandsaufenthalt in Deutschland für die geförderten Studierenden durch KOSPIE hat: „90 Prozent der befragten Alumni gaben an, dass sich der Aufenthalt in Deutschland positiv auf ihre berufliche Karriereentwicklung ausgewirkt hat. Das sind extrem gute Werte.“ Auch Valentina Reyes Gil betont, wie dankbar sie für die Förderung ist: „Es ist eine einzigartige Erfahrung. Ich habe nicht nur für mein Studium, sondern auch als Person so viel lernen können.“